Stadterlebnis
Celle gilt als südliches Tor zur Lüneburger Heide, hat eine pittoreske Altstadt mit über 400 Fachwerkhäusern aus 5 Jahrhunderten sowie das Schloss im Stil der Renaissance und des Barock.
Als Kiellu (Fischbucht) wurde Celle 985 erstmals urkundlich erwähnt. Im 11. Jahrhundert verfügte die Stadt über das Münzrecht. Einige Münzen sind im Münzfund von Sandur auf den Färöern enthalten. 1292 gab Herzog Otto II. der Strenge Altencelle auf, wo sich bereits im 10. Jahrhundert eine Wehranlage in Form des Ringwalls von Burg befand. Er gründete 4 km nordwestlich eine rechteckige Siedlung an der bereits bestehenden Burg. 1301 wurde das Stadtrecht gewährt. Zur gleichen Zeit begann der Bau der Stadtkirche.
Im Jahre 1378 wurde Celle Residenz der Herzöge von Sachsen-Wittenberg. Ab 1433 residierten die Fürsten von Lüneburg im Schloss. 1452 gründete Herzog Friedrich der Fromme ein Franziskaner-Kloster. Im Jahre 1464 ermöglichte das Kornschifffahrtsmonopol einen wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt.
1524 wurde die Reformation in Celle eingeführt. Im Jahre 1570 erbaute Herzog Wilhelm die Schlosskapelle, welche 1585 eingeweiht wurde. 1660 errichtete Herzog Christian Ludwig von Celle in Altenhagen einen Reiherpfahl mit Inschrift, der an die Reiherbeize mit Edelfalken erinnert. Von 1665 bis 1705 erlebte Celle eine kulturelle Blüte als Residenz unter Herzog Georg Wilhelm. Dies ist besonders auf seine französische Gattin, Eleonore d'Olbreuse, zurückzuführen, die hugenottische Glaubensgenossen und italienische Baumeister nach Celle holte. In dieser Zeit wurden der Französische und der Italienische Garten angelegt und das barocke Schlosstheater errichtet.
Im Jahre 1705 verstarb der letzte Celler Herzog und vererbte damit das Fürstentum Lüneburg an die hannoverschen Welfen. Celle erhielt als Ersatz für den Verlust des Status als Residenzstadt zahlreiche Verwaltungseinrichtungen wie das Oberappellationsgericht, das Zuchthaus und das Landgestüt. Damit begann die Entwicklung zur Beamten- und Juristenstadt. Noch heute sind u. a. das Landessozialgericht Niedersachsen-Bremen und das für den größten Teil Niedersachsens zuständige Oberlandesgericht in Celle ansässig. Zugleich findet sich in Celle eine Justizvollzugsanstalt (kurz JVA Celle) mit ihrer Außenstelle Salinenmoor 11 km nördlich der Innenstadt. Dass die Celler Bürger einst − vor die Wahl gestellt − eher das Zuchthaus nach Celle geholt haben als eine angebotene Universität, um die Unschuld ihrer Töchter zu schützen, ist nicht belegbar, hält sich aber hartnäckig als Anekdote im Volksmund.
1786 gründete Albrecht Thaer die erste deutsche Landwirtschaftliche Versuchsanstalt in den Dammasch-Wiesen (heute Thaers Garten). Die Albrecht-Thaer-Schule ist heute Teil eines Berufsbildungszentrums im Celler Stadtteil Altenhagen.
Im J
ahre 1842 wurde die Cambridge-Dragoner-Kaserne für das gleichnamige nach Adolphus Frederick, 1. Duke of Cambridge benannte hannoversche Regiment errichtet. Nach Erweiterung 1913 und Wiederaufbau nach partiellem Brandschaden 1936 wurde die Kaserne 1945 in Goodwood Baracks umbenannt und war von 1976 bis 1996 Sitz der Panzerbrigade 33 der Bundeswehr; die abermalige Umbenennung in Cambridge-Dragoner-Kaserne erfolgte 1980. Seit 1996 ist das Gelände insbesondere Sitz eines der größten Jugendzentren Niedersachsens (CD-Kaserne).
Von 1869 bis 1872 erfolgte der Bau einer Infanteriekaserne für das Infanterieregiment Nr. 77. 1938 wurde die Kaserne in Heidekaserne umbenannt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Kaserne durch britische Truppen genutzt, welche 1993 das Gelände verließen. Heute befindet sich im restaurierten Backstein-Gebäude das Neue Rathaus mit der Celler Stadtverwaltung, auf den umliegenden Freiflächen wurden Wohngebäude errichtet und der Stadtpark angelegt.
1892 wurde − mit zahlreichen Bürgerspenden − das heutige Bomann-Museum mit wichtigen volkskundlichen und stadtgeschichtlichen Sammlungen gegründet. 1913 wurde der 74 m hohe Glockenturm der Stadtkirche errichtet, dessen Glockenwerk 2008 umfassend erneuert wurde. Ende der 1920er Jahren entstand eine Seidenspinnerei, die mit der von Peine 1932 zur Seidenwerk Spinnhütte AG fusionierten. Die Aktionäre dieser privaten Aktiengesellschaft wurde nach 1936 durch Umwandlung ausstehender Kredite der Bank der deutschen Luftfahrt, die zum Einflussbereich des Reichsluftfahrtministeriums gehörte, sowie einer Bilanzmanipulation enteignet, und das Vermögen der AG in die „Mitteldeutsche Spinnhütte GmbH“ überführt. Hintergrund dieser Aktion war der, dass die Zahlen und Daten der GmbH nicht veröffentlicht werden mussten und damit auch die Produktionszahlen geheim gehalten werden konnten. Hauptprodukt der Spinnhütte war Fallschirmseide, die für die Ausrüstung der seit 1936 aufgestellten Fallschirmjägertruppe benötigt wurde, daneben wurden in geringem Umfange noch zivile Produkte hergestellt. Im Rahmen des Ausbaus der Mitteldeutschen Spinnhütte GmbH wurden Zweigwerke in Peine, Plauen, Wanfried, Apolda, Osterode und Pirna errichtet. Dazu kamen noch Betriebe in Telgte sowie während des Krieges in Serbien. In unmittelbarer Nähe der Spinnhütte Celle wurde in den 1930er Jahre die Reichsforschungsanstalt für Seidenbau errichtet, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Bundesforschungsanstalt für Kleintierzucht umbenannt wurde. In der 1940 fertiggestellten Hauptverwaltung der Mitteldeutschen Spinnhütte GmbH befindet sich heute das Landessozialgericht Niedersachsen.[6] Gegen Ende des Krieges fanden in einem Nebengebäude der Spinnhütte im Rahmen des 'Uranvereins' Versuche zur Urananreicherung mit Hilfe der Ultrazentrifuge statt. Diese Arbeiten standen unter der Leitung des Hamburger Physikochemikers Paul Harteck.
Im September 1929 eröffnete Rudolph Karstadt ein Karstadt-Warenhaus in der Celler Innenstadt, welches in seiner Fassadengestaltung baugleich war mit dem Karstadt-Warenhaus am Berliner Hermannplatz. Die Celler Filiale wurde Mitte der 1960er Jahre abgerissen und durch einen umstrittenen Neubau ersetzt, der mit seinen Alu-Verstrebungen das Celler Fachwerk andeuten soll.
Während der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 sah man nur deswegen von einer kompletten Zerstörung der Synagoge ab, weil Gefahr für eine angrenzende Lederfabrik sowie weitere Teile der historischen Altstadt bestanden hätte.
Am 8. April 1945 kam es zum einzigen alliierten Bombenangriff auf Celle während des Zweiten Weltkriegs, bei dem die Bahnhofsanlagen das Ziel waren. Mehrere wartende Züge, in denen sich auch etwa 4000 KZ-Häftlinge befanden, wurden schwer getroffen, Hunderte Menschen kamen dabei ums Leben. Einem Teil der KZ-Insassen aus den Zügen gelang die Flucht ins nahe Neustädter Holz, jedoch erschossen SS-Wachmannschaften und Celler Bürger in den darauf folgenden zwei Tagen einen Großteil der Flüchtlinge. Die Opferzahl wird mit mindestens 170 Personen angenommen. Von den Tätern zynisch „Celler Hasenjagd“ genannt, stellt das Massaker das dunkelste Kapitel der Celler Stadtgeschichte dar.
Eine größere Zerstörung der Stadt wurde dadurch verhindert, dass die Stadt am 12. April 1945 ohne Widerstand den alliierten Truppen übergeben wurde.
Die lange Tradition Celles als Standort militärischer Einrichtungen begann bereits Mitte des 19. Jahrhunderts mit Errichtung der Cambridge-Dragoner-Kaserne sowie der Infanteriekaserne.
In der Zeit des Dritten Reiches hatten Teile der Infanterie-Regimenter 17 und 73 sowie des Artillerie-Regiments 19 in Celle ihre Garnison. Celle war Sitz eines Wehrbezirkskommandos und eines Wehrmeldeamtes. Darüber hinaus war Celle einer der wichtigsten Standorte der Nebelwerfer- und Entgiftungstruppe der Wehrmacht.
Der Status als Garnisonsstadt blieb Celle auch nach dem Zweiten Weltkrieg erhalten. So dienten mehrere Kasernen (u. a. die Freiherr-von-Fritsch-Kaserne in Scheuen und die Cambridge-Dragoner-Kaserne in der Innenstadt) bis in die 1990er Jahre als Standorte für die Panzerbrigade 33 „Celle“ der Bundeswehr. Der Heeresflugplatz Celle (Immelmann-Kaserne) im Stadtteil Wietzenbruch ist heute Standort des Ausbildungszentrums der Heeresfliegerwaffenschule.
In einige Kasernen zogen britische Truppen ein, von denen eine bis heute als britische Garnison dient (ehemalige von-Seeckt-Kaserne, derzeit Trenchard Barracks). Die weiteren Kasernen wurden im Zuge der Konversion in zivile Nutzungen überführt. So beherbergt die ehemalige Heidekaserne das Neue Rathaus, die ehemalige Cambridge-Dragoner-Kaserne das Jugend- und Kulturzentrum CD-Kaserne. Insgesamt hat Celle seit der Deutschen Wiedervereinigung 1990 einen Großteil seiner Funktion als Garnisonsstadt eingebüßt. Die verbleibenden militärischen Einrichtungen deutscher und britischer Truppen stellen aber nach wie vor einen nicht unbedeutenden Wirtschaftsfaktor für Celle dar.
Celle bewarb sich nach dem Zweiten Weltkrieg neben Bonn und Frankfurt am Main sowie einigen anderen Städten als Sitz für den Parlamentarischen Rat. Allerdings fiel die Wahl am Ende auf Bonn und nicht auf Celle.
Am 1. Januar 1973 verlor die Stadt den Status einer kreisfreien Stadt und wurde damit die größte Gemeinde im Landkreis Celle. Ebenso bildete es die größte Stadt des neu geschaffenen Regierungsbezirks Lüneburg. Am 25. Juli 1978 wurde vom niedersächsischen Verfassungsschutz ein fingierter Sprengstoffanschlag an der Außenmauer der Justizvollzugsanstalt verübt. Dieses Ereignis wurde als Celler Loch bekannt. Im Jahre 2004 wurde der Regierungsbezirk Lüneburg mit allen weiteren niedersächsischen Regierungsbezirken wieder aufgelöst. Celle ist momentan die zwölftgrößte Stadt Niedersachsens.









